Selbsttest im Sattel: Mit dem Rad nach Hamburg

Radfahren ist nicht meins. Zumindest war es das nie. Wer wie ich an einem Berg aufwächst, muss sein Fahrrad nämlich (zu) viel schieben. Darum habe ich seit meinem 15. Lebensjahr gar kein eigenes Rad mehr besessen. Bis ich mir Anfang 2020 ein E-Bike zugelegt habe, um zur Arbeit zu fahren. Und dann hat sich die

Selbsttest im Sattel: Mit dem Rad nach Hamburg

Radfahren ist nicht meins. Zumindest war es das nie. Wer wie ich an einem Berg aufwächst, muss sein Fahrrad nämlich (zu) viel schieben. Darum habe ich seit meinem 15. Lebensjahr gar kein eigenes Rad mehr besessen. Bis ich mir Anfang 2020 ein E-Bike zugelegt habe, um zur Arbeit zu fahren. Und dann hat sich die Sache irgendwie verselbstständigt. Denn im Juni bin ich vom Ruhrgebiet nach Hamburg gefahren. 380 Kilometer. Über Senden, Ibbenbüren, Lohne, Bremen und Zeven bis in die Hansestadt. Mit dem Rad. Und ohne den E-Motor wirklich zu beanspruchen. Eine Idee, die ich irgendwann während des ersten Lockdowns gefasst hatte – und die Wirklichkeit geworden ist. Wie meine Radreisen-Premiere so gelaufen ist? Darüber habe ich in einem Artikel für die Westfalenpost berichtet – und den könnt ihr jetzt auch hier auf meinem Blog lesen:

Reisen auf zwei Rädern

Radfahren liegt im Trend. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die E-Bike-Lager leerer, die Radwege voller und Reisen mit dem Fahrrad für viele eine echte Urlaubsalternative: Laut einer aktuellen Umfrage der cyclelo GmbH können sich 34 Prozent der Deutschen vorstellen, dieses Jahr auf Radreise zu gehen. Allein 58 Prozent der E-Bike-Besitzer möchten ihren Urlaub im Sattel verbringen. Doch was ist das Besondere an Reisen auf zwei Rädern? Was gehört ins Gepäck? Und wie bereitet man sich vor? Ich habe den Selbsttest gemacht und bin losgeradelt – 380 Kilometer. Von Wengern nach Hamburg.

Fahrrad statt Auto

Seit mehr als einem Jahr zähle ich dazu. Zu den 33 Prozent der Menschen in Deutschland, die mehr Fahrrad fahren als vor Corona. Und ich gehöre zu dem Drittel der Bevölkerung, deren Interesse an einer Radreise durch die Pandemie gestiegen ist. Die Vorteile liegen ja auch auf der Hand: Das Rad macht Auszeiten fernab von Menschenmassen möglich. Mit Abstand und dazu noch draußen in der Natur, wo das Ansteckungsrisiko relativ gering ist. Die Rahmenbedingungen für meine Radreise nach Hamburg stimmen also. Eine Strecke, die ich oft mit dem Auto oder Zug fahre – und jetzt auch mit dem Fahrrad erfahren möchte.

380 Kilometer. 2 Taschen. 1 Fahrrad.

Sechs Etappen. 59 bis 75 Kilometer pro Tag. Zwei Satteltaschen. Mein Fahrrad. Und ich. So die Fakten zur Tour. Dahinter steckt eine Vorbereitungszeit, in der ich mich durch offizielle Radreise- und Fahrrad-Club-Seiten geklickt, auf einigen Websites der mehr als 200 Radfernwege in Deutschland informiert, durch Radforen und Packlisten gelesen und Navigations-Apps getestet habe. Ich habe Funktionsshirts und Radshorts gekauft und Ersatzschlauch, Erste-Hilfe-Set sowie Werkzeuge erstanden, mit denen ich kleine Pannen und Verletzungen meistern könnte – zumindest theoretisch. Ich habe Beine, Rücken und Schultern gezielt trainiert und bin – natürlich – viel Rad gefahren. Die Strecken von Wengern über Senden, Ibbenbüren, Lohne, Bremen und Zeven in die Hansestadt sind so gewählt, dass Zeit bleibt. Für Pausen. Spontane Abstecher. Unerwartetes. Ich fühle mich gut vorbereitet. Eigentlich. Aber 75 Kilometer am Stück? Teilweise zwei oder drei Tage hintereinander? Wie ich dadurch komme, wird nur die Tour zeigen.

 

Kilometerlange Strecken nur für mich

Und die startet an einem Montagmorgen im Juni. Bei strahlendem Sonnenschein fahre ich in Wengern auf den Ruhrtalradweg Richtung Witten. Die ersten Kilometer meiner Radreisen-Premiere beginnen gut. Die Wege sind schattig und leer. Mal kommt mir ein Rennradfahrer entgegen, mal überhole ich eine Joggerin, mal Väter mit Kinderwagen. Es geht an Land- und Bundestraßen entlang. Aber auch an ruhig gelegenen Kanälen und durch grüne Alleen. Das monotone Geräusch der Reifen auf dem Fahrweg hat was Meditatives und einmal im Rhythmus treten die Beine wie von selbst. Im Münsterland ziehen Felder, Wiesen, Wälder an mir vorbei. Ich bekommen viele neue Eindrücke – und trotzdem den Kopf frei.

 

Umwege schätzen lernen

Das ändert sich auch während der gesamten Tour nicht. Kopfhörer und Musik im Ohr habe ich nur selten. Stattdessen genieße ich die Stille. Denn oft gehören die Strecken vorbei an Flüssen, Höfen und über Feldwege kilometerlang nur mir allein. Anderen Radreisenden begegne ich kaum, dafür sehe ich einen Storch durch die Wiesen staken, Entenfamilien durchs Wasser tümpeln und werde von einem Fischreiher beäugt, während ich an ihm vorbeirolle. Ich lerne Umwege schätzen, die mich an einsame Badeseen führen oder bei über 30 Grad Hitze durch schattige Wälder leiten. Aus den 380 werden so 405 Kilometer. Aber das ist es wert.

Neue Routine

Meine Tage bekommen eine neue Routine. Aufstehen. Radtaschen packen. Route checken. Fahren. Ankommen. Auspacken. Ausruhen. Je weiter ich Richtung Norden komme, desto vertrauter werden die Namen auf den Ortsschildern. Dammer Berge. Zum ersten Mal fahre ich nicht unter der Raststätte auf der A 1 hindurch, sondern parallel zu ihr über die Autobahnbrücke. Dann Groß Ippener. Buxtehude. Schön zu sehen, was hinter den weißen Schriften auf blauem Grund steckt, die ich sonst nur von Autobahnschildern kenne.

Mit der Fähre ins Ziel

Die letzte Etappe ist auch der Höhepunkt der Tour. Rund 75 Kilometer von Zeven nach Hamburg. Es läuft wie von selbst. Mein Körper hat sich an die tägliche Anforderung gewöhnt. Ich komme schnell voran. Kein Muskelkater, keine Rückenschmerzen oder tauben Hände bremsen mich aus. Durch kleine Städtchen im Alten Land hindurch und an der Elbe entlang erreiche ich Finkenwerder – am Horizont sind die Kräne des Hamburger Hafens zu sehen. Die letzten Kilometer absolviere ich mit der Fähre. Und während mir der Wind ins Gesicht weht, die Kräne und die Landungsbrücken immer näherkommen, weiß ich: Das war meine erste, aber sicher nicht meine letzte Radreise.