Ein Jahr Corona: Stillstand, Stress und anderes Arbeiten

Vor fast genau einem Jahr saß ich im Zug. Ich war auf dem Weg zu einem Texter-Workshop in Berlin: kreatives Schreiben. Die Weiterbildung ist bis heute meine letzte Präsenzveranstaltung. Damals, Mitte März 2020, wusste ich das natürlich noch nicht. Aber ich ahnte, dass sich angesichts der kontinuierlichen Ausbreitung des Corona-Virus etwas ändern würde. Noch einen

Ein Jahr Corona: Stillstand, Stress und anderes Arbeiten

Vor fast genau einem Jahr saß ich im Zug. Ich war auf dem Weg zu einem Texter-Workshop in Berlin: kreatives Schreiben. Die Weiterbildung ist bis heute meine letzte Präsenzveranstaltung. Damals, Mitte März 2020, wusste ich das natürlich noch nicht. Aber ich ahnte, dass sich angesichts der kontinuierlichen Ausbreitung des Corona-Virus etwas ändern würde.

Noch einen Tag zuvor hatte ich nachgefragt, ob der Workshop wirklich stattfinden werde. Kurz hatte ich auch überlegt, ob ich überhaupt fahren sollte. Ich entschied mich dafür – die Workshop-Gruppe war klein, das damalige „Corona-Wissen“ beschränkt. Im Zug erreichten mich dann die Nachrichten von den ersten Schulschließungen. Im Workshop wurden neben den Texten auch die aktuellen Entwicklungen besprochen. Auf meinem Weg nach Hause saß ich ganz alleine im Abteil. Wenige Tage später trat der erste Lockdown in Kraft – und das „große C“ endgültig in unser Leben.

Stillstand draußen, Stress drinnen

Erst einmal stand alles still – und unser Alltag Kopf. Wie ihr auch in meinem Jahresrückblick lesen könnt, gab es wirklichen Stillstand bei uns erstmal nur außerhalb der eigenen vier Wände. Drinnen ging es zwischenzeitlich auch mal hoch her. Wir mussten uns neu arrangieren, unseren Alltag neu sortieren. Die Kinder kamen aus der Schule ins Homeschooling, ich zog aus meinem Büro ins Homeoffice. Dass Homeschooling und Homeoffice sich nur schlecht ergänzen, brauche ich wahrscheinlich keinem zu erzählen.

Junges Mädchen beim Homeschooling
Wenn Homeschooling nur immer so aussehen würde…Foto: Shutterstock

Mein anderes Arbeiten

Aber zunächst war und bin ich erleichtert und dankbar, dass ich überhaupt weiterarbeiten konnte und durfte. Zum Glück brachen bei mir mit der Corona-Krise nur vereinzelt Aufträge weg. Mein Arbeiten hat sich dennoch verändert. Die selbstverständliche Begegnung mit anderen Menschen, die Interviews, Redaktionssitzungen oder Projektbesprechungen gibt es nicht mehr. Die Termine vor Ort, wenn ich in Theatern hinter die Kulissen geschaut, Produktionsabläufe in Unternehmen kennengelernt oder Menschen bei ihrer Arbeit oder besonderen Hobbies begleitet habe: Sie vermisse ich am meisten. Nahezu all meine Termine laufen jetzt digital. Gespräche führe ich am Telefon oder eben am Rechner, den Blick auf den Bildschirm bzw. in die Kamera gerichtet. Das funktioniert. Besser sogar, als ich anfangs dachte. Doch der direkte Austausch fehlt doch sehr. Und manchmal habe ich Angst, dass ich mich daran gewöhne, ohne diesen direkten, persönlichen Austausch zu arbeiten und zu sein.

Eindrücke von Livestreams und vom Theater
Es gibt viele Livestream-Konzerte und -aufführungen. Ein Liveerlebnis können sie aber nicht ersetzen.

Livestreams statt Liveerlebnis

Was mir als Bloggerin für Theaterliebe noch fehlt, sind die Termine in den Theatern. Die Premieren und Proben. Die Pressegespräche zu neuen Produktionen und die Interviews mit Künstler:innen. Die Atmosphäre, die Interaktion zwischen Darsteller:innen und Publikum. Die magischen Theatermomente eben. Wie sehr mir diese Augenblicke fehlen, habe ich im Spätsommer ganz besonders gemerkt, als vereinzelt wieder Theater- oder Konzertbesuche möglich waren. Mein erstes Musicalkonzert seit Monaten, mein erster Theaterabend im Opernhaus: Ich war wirklich berührt und kann es kaum erwarten, bis es wieder soweit ist und ich Livestreams wieder gegen das Liveerlebnis tauschen kann. Bis dahin führe ich weiter Interviews – digital natürlich. Und ich versuche, der Kultur auf meinem Blog einen Raum und Künstler:innen und ihren Projekten ein kleines Forum zu geben.

Frau beim Spaziergang im Wald
Corona brachte mir aber auch Zeit – für Spaziergänge zum Beispiel. Viele Spaziergänge…

Mehr Zeit

Aber auf das Corona-Jahr zurückzublicken, ohne die Dinge zu sehen, die ich gelernt und die mein Leben auch bereichert haben, wäre zu einseitig. Denn mit Corona und insbesondere dem ersten Lockdown kam auch mehr Zeit. Zeit für lange (und sehr, sehr viele) Spaziergänge. Zeit für ganz viel Sport. Zeit für lange Liegengebliebenes (Stichwort: Dachboden aufräumen). Zeit für die Familie – ohne Terminstress und Mama-Taxi-Fahrten. Zeit für ein stressfreies, wirklich einmal entspanntes Weihnachten. Oder auch Zeit für Neues. So viele – digitale – Weiterbildungen wie in den vergangenen Monaten habe ich noch nie absolviert.

Die neue Normalität

Was ich nach einem Jahr Corona-Krise aber vor allem gelernt habe: vieles nicht für selbstverständlich zu nehmen. Weder beruflich, noch persönlich. Und dankbar zu sein, für das, was ich habe. Für meine Familie. Für 14 Tage Quarantäne mit negativem Testergebnissen. Für meine Gesundheit. Für echte Freund:innen. Für meine Arbeit, die ich gerne mache und machen darf. Nicht, dass ich mir das am besten ohne eine solche Ausnahmesituation bewusst machen sollte – macht man aber meistens ja nicht. Und vielleicht gelingt es mir, diese Erkenntnis  mit in die neue Normalität zu nehmen, die es nach dieser Pandemie geben wird. Und diese Zeit beginnt – hoffentlich – sehr, sehr bald.